PHILIPP GEIST

Arbeiten

Biographie

Ausstellungen

Künstler-Homepage



o.T. / P4111636 / 2005
110 x 148 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage





o.T. / dia_362 / 1997
135 x 202,5 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage





o.T./ IMG_1930 / 2006
52,5 x 70cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage





o.T. / IMG_1947 / 2006
138 x 180 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage





o.T. / IMG_1949 / 2006
52,5 x 70 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage




o.T. / P1010896 / 2005
52,5 x 70 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage




o.T. / P1081190 / 2005
52,5 x 70 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage




o.T. / P3186597 / 2007
52,5 x 70 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage




o.T. / P3186614 / 2007
52,5 x 70 cm
C-Print auf Alu-Dibond
Preis auf Anfrage




Um gegenstandsfreie Fotografie zu betreiben, bieten sich einem heute prinzipiell zwei Wege an. Zum einen kann sie rechnerbasiert erzeugt werden, durch rein digitale Prozesse. Und zum anderen kann sie realitätsbasiert erzeugt werden, indem auf eine bestimmte Art und Weise fotografiert wird, die zu einer Abstrahierung von realen Gegenständen führt – bis hin zu deren Unkenntlichkeit. Philipp Geists Fotoarbeiten haben mit dem zweiten Weg zu tun. Insofern der Grad der Abstrahierung jedoch sehr unterschiedlich ausfällt – mal sind etwa noch Waldelemente zu sehen, mal ausschließlich farbige Formen – handelt es sich nicht um abstrakte Kunst per se, sondern um eine fotografische Haltung, die näherer Bestimmung bedarf.

Der russische Formalist Viktor Šklovskij schrieb 1916 einen Aufsatz mit dem Titel Kunst als Verfahren. Darin heißt es: Um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt.1 Nun mag man einwenden, der Stein sei doch bereits steinern – wozu also die Mühe? Šklovskij geht davon aus, dass Gewohnheit die Wahrnehmung abschleift, automatisiert, sodass letztlich nur ein Wiedererkennen anstelle eines tatsächlichen, erlebnisvollen Sehens stattfindet. Um diesem auf den Sprung zu helfen, setzt die Kunst insbesondere das Verfahren der Verfremdung ein. Die Dinge fremd machen, ja fast unkenntlich machen, um sie besser sehen zu können – so könnte diese Position zusammengefasst werden. Und sie beschreibt treffend ein Hauptanliegen von Philipp Geists Fotoarbeiten. Sicherlich, das thematische Feld seiner Arbeiten ist der Auseinandersetzung mit Zeit- und Raumstrukturen gewidmet, wobei die Behandlung von Bewegung, Licht und Schatten diese Auseinandersetzung definiert, doch das übergeordnete Ziel ist: Sehen, Wahrnehmen. Was gar nicht so leicht ist, weil zum einen unsere automatisierte, desinteressierte Wahrnehmung aufgebrochen werden muss und zum anderen die Verfremdung die Wahrnehmung erschwert. Und das soll sie auch. Šklovskij zufolge ist die Wahrnehmung Ziel der Kunst, und somit muss sie erschwert werden, um sie zu verlängern, zu intensivieren und so zum Inhalt der Kunst werden zu lassen. Interessanterweise wird dadurch auch die Realität wieder zum Inhalt der Kunst, denn ihre Verfremdung führt wieder auf sie selbst zurück. Nur unter anderen Vorzeichen. Was ist es denn, was Realität ausmacht? Was sind ihre primären Qualitäten? Löst man, wie Philipp Geist in seinen Fotografien, Konturen auf, löst man Bewegung auf, löst man Schärfe auf, verlässt man den evidenten Objektbezug, so eröffnet sich eine andere Sicht auf die Realität. Diese wird ‚wirkliche Wirklichkeit‘, in dem Sinne, dass das, was aus der Realität heraus auf uns wirkt, zur Wirkung gelangt: Farben, Linien und Formen. Das also, was wir primär wahrnehmen. Auf diese Weise wird Realität wieder zum Inhalt der Kunst.

Vielleicht genauso zentral wie das Thema des Wahrnehmens ist bei Philipp Geist dasjenige der Malerei: Malerei durch Fotografie, Malerei mit der Kamera. Als im 19. Jahrhundert die Fotografie als Konkurrenzmedium die Malerei aus ihrer Domäne der Realitätsrepräsentation vertrieb, wandte sich die Malerei in einem kontinuierlichen Abstraktionsprozess – über den Impressionismus bis zum Kubismus – von der Realität ab und schließlich der Abstrakten Kunst zu. Doch selbst dorthin wurde sie von der Fotografie verfolgt, speziell von der konstruktivistischen und der Konkreten Fotografie. Diese, ihrem Wesen nach nicht abbildungsinteressiert, konzentrierten sich auf das, was die Dinge ausmacht: Linien und Formen (später auch Farben). László Moholy-Nagy und Otto Piene etwa seien hier als Musterbeispiele genannt, deren abstrakte Licht- und Bewegungsarbeiten in Foto, Film und Installation als Bezugspunkte für Philipp Geists Fotografien herangezogen werden können. Doch fließt in diese noch weit mehr ein: frühe Computerkunst und Raster-Noton-artige Minimalästhetik, aber auch futuristische Dynamik und emanationshafte Geisterfotografie.

Für das Verhältnis von Malerei und Fotografie
zieht Philipp Geist gerne Gerhard Richter heran. Nicht, weil seine Arbeitweise der Richters ähnlich wäre, schließlich stellt er keine fotobasierten Gemälde her, sondern weil das Herausarbeiten spezifisch fotografischer und malerischer Qualitäten, das für Richter kennzeichnend ist, ihn ebenso interessiert. Durch das Auflösen des Abbildhaften, des indexikalischen Charakters der Fotografie in der Fotografie selbst, legt Philipp Geist den Fokus auf malerische Aspekte der Fotografie. Die Defokussierung als Unschärfeerzeugung liefert die Fokussierung auf diese malerischen Aspekte. Oder, nochmals gewendet: Unscharf sehen, um besser zu sehen – so lautet die Formel für die Auflösung des (gegenständlichen) Wiedererkennens, die das (ungegenständliche) Sehen befördert und damit das, worauf es ankommt: die Wahrnehmung.

1 Vgl. Viktor Šklovskij, Die Kunst als Verfahren; in: Jurij Striedter (Hrsg.), Russischer Formalismus. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa, München 1994, S. 3–35.

Holger Lund